Gute Frage ...! Systemische Fragen als kommunikative Geheimwaffe

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Systemische Fragen als kommunikative Geheimwaffe

Wer fragt, der führt? 1000-mal gehört und dazu genickt. Aber was sind wirklich gute Fragen, um neue Perspektiven und Ideen zu triggern, festgefahrene Muster zu lösen, Widerstände aufzubrechen und die Tür zu neuen Denk- und Verhaltensansätzen zu öffnen? Hier kommen meine Antworten auf die Frage nach der guten Frage.

Ja, ich gebe es zu: Ich liebe diese Momente, wenn es jemand schafft, in einer Diskussion, die sich endlos im Kreis drehte und eine Problemlösung in unerreichbarer Ferne lag, seine Gesprächspartner aus ihren gewohnten Denkbahnen zu werfen und ihnen neue Denk- und Verhaltensoptionen zu eröffnen. Wenn diese im Redefluss innehalten, schweigen und ihr Blick nachdenklich in die Ferne schweift. Oft werden genau in diesem Augenblick mentale Sackgassen verlassen. Herrlich! Erst recht, wenn einem selbst dieses Kunststück gelingt.

Aber wie geht das? Zauberei? Manipulation? Nein, Auslöser sind systemische Fragen, die kommunikative Geheimwaffe - nicht nur für mich als Berater, Prozessbegleiter und Moderator.

Gute Fragen sind nicht weniger als der Schlüssel für wirksame Kommunikation, Kollaboration, Führung und Moderation.

 

Was macht eine Frage systemisch?

Die systemische Haltung geht davon aus, dass Menschen immer im Kontext ihrer Umgebung beziehungsweise ihres Systems agieren. Anders als z.B. bei klassischen Reporterfragen nach dem Wer?, Was?, Wie? geht es bei systemischen Fragen primär nicht darum, Informationen zu gewinnen, sondern der Gefragte wird auf eine innere Erkundungstour geschickt, um sich neue Denk- und Handlungsoptionen zu eröffnen. Sie verknüpfen Fakten und Annahmen, machen den Gesprächspartner nachdenklich, inspirieren, aktivieren und irritieren ihn auf konstruktive Art und Weise. Mit systemischen Fragen kann ich Klarheit schaffen, Veränderungen anstoßen und Widerstände aufbrechen, festgefahrene Muster lösen und die Tür für neue Denk- und Verhaltensansätze öffnen.

 

OK, und in welchem Kontext sind systemische Fragen sinnvoll?

Unser Umfeld scheint heute ständig im rasanten Wandel zu sein. Unvorhersehbar. Komplex. Und vernetzt. Mit diesen Rahmenbedingungen sind auf allen Ebenen Herangehensweisen und Strategien gefragt, die der Veränderungsdynamik und der zunehmenden Komplexität gerecht werden. Insbesondere unter Führungskräfte setzt sich die Erkenntnis durch, dass traditionelle Ansätze und etablierte Kommunikationsmuster an ihre Grenzen stoßen. Statt linearer Strategien verlangt unser Umfeld zunehmend systemische Ansätze - auch in der Kommunikation.

Und überall dort, wo Empowerment mehr ist als ein hohles Buzzword, ist eine systemische Führung ein Muss: Ressourcenorientiert gedacht verfügen Mitarbeiter über die wesentlichen Kompetenzen, Mittel und Entscheidungsspielraum, um Lösungen zu generieren. Eine Führungskraft ist eher in ihrer Rolle als Coach gefragt, den Mitarbeiter - z.B. über systemische Fragen, zur Reflexion und Selbstführung zu befähigen. Und klar ist auch, dass selbst entwickelte Strategien in der Regel besser umgesetzt als solche, die von oben oder außen verordnet werden.

 

Wie funktionieren systemische Fragen denn nun?

Es gibt verschiedenste Klassifikationen für systemische Fragen. Ich stelle hier die aus meiner Sicht wichtigsten Cluster vor:

Skalierende Fragen

  • “Auf einer Skala von 1 bis 10 wie beurteilst du die Fehlerkultur im Team, wenn 1 nicht vorhanden und 10 sehr stark ausgeprägt bedeutet?”, “Was müsste passieren, um von einer 3 auf eine 6 zu kommen?” Hier werden Probleme ins richtige Verhältnis gesetzt und deren Komplexität - zumindest für den Moment - reduziert. Wenn eine Aufgabe oder ein Problem überwältigend oder nicht lösbar erscheint, helfen skalierende Fragen, die Situation beherrschbar zu machen.

Zirkuläre Fragen

  • Wie würde die Geschäftsführung das beurteilen und wie würde sie an die Sache herangehen?“, “Welchen Ratschlag würde dir dein Partner geben?” Zirkuläre Fragen laden zum Perspektivwechsel ein und lenken die Aufmerksamkeit auf die Wahrnehmung der Situation aus der Sicht anderer Menschen. Der Befragte muss seinen eigenen Standpunkt verlassen und andere Perspektiven zulassen. Besonders geeignet in festgefahrenen Situationen. Denn so kommen neue Betrachtungsweisen aufs Radar, was wiederum neue Lösungsoptionen triggert.

Hypothetische Fragen

  • „Stell dir vor, dir stünde ein unbegrenztes Budget zur Verfügung. Wie würdest du das Projekt angehen?“, “Wenn du allein verantwortlich bist und von niemandem abhängig wärst, …?” Limitierende Faktoren werden temporär ausgeblendet, was dazu anregt, über den bekannten Horizont hinaus zu denken und zu fantasieren. Das öffnet neue Türen und setzt enorme Motivation frei. Diese Fragetechnik führt in der Regel nicht direkt zur Lösung, sondern ist insbesondere bei scheinbar ausweglosen Situationen eine Einladung für Gedankenexperimente, eine positive Visualisierung der Zukunft und neue Herangehensweisen.

Paradoxe Fragen

  • “Wie könnten wir das Projekt so  richtig gegen die Wand fahren?”, “Was müsste passieren, damit du alles hinschmeißt?” Wie bei den hypothetischen Fragen geht es hier nicht darum, ohne Umwege zum Ziel zu gelangen. Stattdessen wird die Aufgabe bzw. das Problem eingeordnet und der eigene Handlungsspielraum abgeleitet. Durch ein gefühltes In-die-falsche-Richtung-Denken werden im Umkehrschluss kreative Wege zum Erfolg gefunden. Entscheidend im Prozess ist, dass die paradoxe Frage trotz aller Realitätsferne ernst genommen wird und der Gefragte sich wirklich darauf einlässt.

Lösungsorientierte Fragen

  • „Woran erkennst du, dass du auf dem richtigen Weg bist?, “Welche deiner Stärken hat dir bei ähnlichen Herausforderungen in der Vergangenheit genutzt?“ Wie der Name schon sagt, stehen hier mögliche Lösungen im Fokus. Oft geht es in Business-Diskussionen primär darum, was nicht klappt. Mit lösungsorientierten Fragen werden Möglichkeiten konstruiert und bisher ungenutzte Ressourcen und Routen gefunden. Positive Optionen werden so ins Blickfeld gerückt. Diese Fragen lassen sich immer dann gut einsetzen, wenn sich in Gesprächen alles um Defizite und nicht Machbares dreht.

 

Alles klar, los geht’s. Worauf ist in der Praxis zu achten?

Systemische Fragen sind überall dort hervorragend geeignet, wenn es kreative Ansätze und Lösungen zu entwickeln gilt. Und wenn das Gegenüber bereit ist, sich auch abseits von bekannten Mustern zu denken.

Aus meiner Erfahrung ist eine akkurate, unmissverständliche Formulierung erfolgskritisch beim Einsatz systemischer Fragen. Denn hier kommt es sehr wohl auf die Nuancen an: Ob ich in der Frage als Explorationsauftrag ein “du” oder das kollektive “ihr” verwende, kann ein ebenso großer Bedeutungsunterschied sein wie die Entscheidung zwischen Präsens, Futur oder Konjunktiv.

Bei systemischen Fragen geht es ans Eingemachte. Deshalb hilft es, den Sinn und Zweck dieser Technik kurz anzumoderieren, damit sich der oder die Gefragte nicht angegriffen oder provoziert fühlt. Außerdem empfehle ich in einem Gespräch den Einsatz systemischer Fragen sparsam und zielsicher zu dosieren. Also nicht für weniger relevante Aspekte verpulvern, sondern pointiert als Interventions-Joker einsetzen.

Ansonsten empfehle ich: Einfach ausprobieren und ein Gespür für gute Fragen zum passende Zeitpunkt entwickeln. Der Lohn sind kreative Lösungen und neue Handlungsoptionen - versprochen!

Auf geht’s: Was müsste passieren, damit du systemische Fragen noch heute ausprobierst? :-)

Ich freue mich auf Feedback und Austausch.

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